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Der Blick über den Tellerrand: Englische Solidarität für den Kölner Erzbischof

Dass in England neben der großen anglikanischen auch die katholische Kirche nicht ohne Bedeutung ist, rückte beim jüngsten Besuch von Papst Benedikt XVI. in Großbritannien wieder stärker ins allgemeine Bewusstsein. Tatsächlich konnten sich dort nach dem 1534 mit Rom vollzogenen Bruch bereits im 19. Jahrhundert wieder katholisch-kirchliche Strukturen etablieren. Begünstigt wurde das durch die religiöse Toleranz in der viktorianischen Epoche, der Amtszeit von Queen Viktoria (1837–1901).


Umso mehr erstaunt es vielleicht auf den ersten Blick, dass sich der englische katholische Episkopat 1875 zum Kulturkampf in Preußen äußerte, wo doch das Verhältnis zwischen Kirche und Staat auf einem Tiefpunkt angekommen war. Für Aufsehen hatte insbesondere die spektakuläre Verhaftung des Kölner Erzbischofs Paulus Melchers im Mai 1874 gesorgt, der etwas mehr als ein halbes Jahr im Kölner Gefängnis Klingelpütz zubringen musste. Am 8. April 1875 richteten die englischen Bischöfe eine Grußadresse namentlich an den Kölner Erzbischof, aber auch an die anderen preußischen Bischöfe, die von den staatlichen Maßnahmen gegen die Kirche betroffen waren; insbesondere denen, die „ad carceres detrusi sunt“ (in die Kerker gestoßen wurden), galt die Anteilnahme ihrer englischen Mitbrüder. Diese Grußadresse zeugt davon, wie rasant sich die Kunde vom Kulturkampfgeschehen weit über Deutschland in die ganze Welt verbreitete, insbesondere auch nach Nordamerika und England, und wie groß die Anteilnahme an den Ereignissen in Preußen war.


Am Ende der Grußadresse der englischen Bischöfe unterschreiben die 13 Oberhirten englischer Diözesen jeweils mit Kreuz, ihrem Vornamen, der Bezeichnung „episcopus“ (Bischof) und dem latinisierten Namen ihres Bischofssitzes. An erster Stelle steht die Unterschrift des Erzbischofs von Westminster, Heinrich Eduard Manning (1865–1892). Gut zwei Wochen vor dem Schreiben in den Kardinalsstand erhoben, galt er später wegen seines sozialen Engagements und seiner Aufgeschlossenheit für die katholische Soziallehre als „poor men’s cardinal“, als Kardinal der armen Leute.


Joachim Oepen