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Gustaf Gründgens Gretchenfrage

Jahrhunderte lang hatte die Gretchenfrage „Wie hast du’s mit der Religion“ für die einfache Bevölkerung kaum Bedeutung. Ob man katholisch oder seit der Reformation auch evangelisch war, hatten sie gar nicht frei zu bestimmen. Das war abhängig von der Region, in der man lebte und vom Glauben des jeweiligen Landesfürsten. Erst seit dem 19. und 20. Jahrhundert können die Menschen selber bestimmen, ob und welcher Religion sie angehören wollen.


Und seitdem gibt es auch immer wieder Phasen, in denen sich Menschen von der Kirche abgewendet haben und sogar aus der Kirche ausgetreten sind, aber auch Zeiten, in denen die Kirche mit ihrer Botschaft verstärkt das Interesse der Menschen hervorgerufen hat. Eine Zeit vermehrter Kirchenaustritte war auch die Zeit der Weimarer Republik. In vielen Bereichen befand sich die Gesellschaft im Umbruch; der liberale und demokratische Staat gewährte zum ersten Mal größere individuelle Freiheiten. Als dann 1929 durch die Weltwirtschaftskrise 1929 viele Menschen in große materielle und finanzielle Not gerieten, konnte die Kirchensteuer zu einer zusätzlichen Belastung werden, von der man sich durch einen Kirchenaustritt befreien konnte. Es waren in diesen Jahren also oft wirtschaftliche Gründe, welche die Menschen zu so einem Schritt bewegten.


Auch Gustaf Gründgens, der bekannte deutschen Schauspieler und Regisseur, gibt als Motiv für seinen Kirchenaustritt im Jahr 1929 seine prekäre Lage an. Er sei „damals in wirtschaftliche bedrängter Lage gewesen, weil er seine Eltern habe zu sich nehmen müssen. Deshalb hätte er die Kirchensteuer einsparen wollen“, schreibt der Pfarrer im sog. Reueprotokoll 1953.


Darin bittet Gründgens um die Wiederaufnahme in die katholische Kirche. Viele Menschen suchten nach dem Zusammenbruch 1945 nach innerer Neuorientierung und Sinnstiftung; sie wandten sich, wie Gustaf Gründgens, wieder der Kirche zu. Dafür musste man die Motivation und die Begründung des Wiedereintritts in die Kirche schriftlich niedergelegen. Nach Prüfung und Genehmigung durch den Generalvikar war die Teilnahme am sakramentalen Leben wieder möglich. Die Reueprotokolle aus dieser Zeit werden im Historischen Archiv des Erzbistums verwahrt und dokumentieren die Wiedereintritte nach dem Krieg. Da die Motive sehr persönlicher Natur sind, werden diese Unterlagen der Öffentlichkeit lange Zeit nicht zugänglich gemacht. Nur die Tatsache, dass Gustaf Gründgens als Person der Zeitgeschichte im öffentlichen Interesse steht und mehr als 50 Jahren tot ist, gibt die Möglichkeit, hier sein Reueprotokoll zu veröffentlichen. Dass Gustaf Gründgens überhaupt aus der Kirche aus- und wiedereingetreten war, war bis heute nicht bekannt.

 

Stefan Plettendorff