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Chormusik auf Augenhöhe

  • 05.07.18 10:41
  • Jan Sting
  •   Kultur und Kirche

Die eierlegende Wollmilchsau ist eigentlich eine Karikatur. In der Katholischen Kirchengemeinde St. Michael in Dormagen fällt der Begriff aber häufig in Bezug auf die Funktion des Kantors. Der soll am besten zwischen den Messen im fliegenden Wechsel Kinderstimmen formen, mit dem Kirchenchor arbeiten, das Streichorchester als Begleitung zum Oratorium organisieren und vieles mehr. Aber einen solchen Kantor gibt es genauso wenig wie die so oft heraufbeschworene eierlegende Wollmilchsau. Für Kantor Horst Herbertz, Pfarrer Peter Stelten und den Pfarrgemeinderat stand daher vor fünf Jahren fest, dass sie die Weichen für ein funktionierendes musikalisches Kirchenleben anders stellen müssen: Die Gemeinde gründete das „Chorhaus Dormagen“. Darin finden alle Generationen  ihren Platz -  in der sakralen wie der weltlichen Musik. „Beim Pfarrfest sangen 30 Kinder und Jugendliche sowie 66 Erwachsene -  das war einfach nur schön“, schwärmt Stelten. Er bekomme Gänsehaut, wenn junge Menschen das „Vater unser“ singend im Gottesdienst durch die Reihen gingen.

Nachwuchs? Kein Problem!

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Die Generation der Berufstätigen kann zwischen klassischer Chormusik, über Gospel bis hin zu Jazz, Rock und Musical wählen. Und die Kinder und Jugendlichen schlagen nicht selten ihren Chorleitern selbst aktuelle Lieder aus den Charts vor, die sie gerne singen wollen.

Im Gespräch mit dem Kölner Jazzprofessors Erik Sohn fanden sich Studenten der Chormusik, die für das ungewöhnliche Chorhaus-Projekt gleich Feuer und Flamme waren. Für Kantor und Kirchenmusiker Horst Herbertz steht fest, dass nun beide Seiten profitieren. Er selbst hat Ende der 1980er Jahren erfolgreich den „Jungen Chor Da Capo“ an St. Katharina Hackenbroich aufgebaut. Mittlerweile ist der Junge Chor im Schnitt 30 Jahre älter geworden und es brauchte frischen musikalischen Wind. Für den Jugendbereich überließ Herbertz auch das Dirigat im Chorhaus gerne der nächsten Generation: „Es braucht die Augenhöhe. Und die jüngeren Kollegen haben ganz andere didaktischen Möglichkeiten. Mit der klassischen Chorarbeit hat das nur rudimentär zu tun.“

Gebärdensprache ersetzt Taktstock

Tatsächlich ist ein Probenbesuch im noch jungen Ensemble „Tonart“ ungewöhnlich. Es wird absichtlich „gewabert“ also, aus einem Klangbrei eine lose Tonfolge geformt. Bewegung zur Musik ist gewollt und statt des Taktstocks gibt es 70 Zeichen des „vocal paintings“, die wie eine Gebärdensprache funktionieren. Ähnlich wie bei einer Bigband lässt sich damit auch gut improvisieren. Die Sängerinnen und Sänger treffen sich zur Projektarbeit am Wochenende. Einige studieren schon und hätten unter der Woche gar keine Zeit mehr, regelmäßig zu kommen. „Ich studiere in Münster und war traurig, als ich im  Jugendchor aufgehört habe. Jetzt kann ich wieder mitsingen und freue mich schon Wochen vorher, wenn ich die Termine einplane. Das ist ein Teil meiner Familie“, sagt Hannah Braun. Neben ihrem Studium hilft sie in der Verwaltung des Chors, organisiert Doodle-Abfragen zu den Probenterminen oder reserviert Räume. Junge Leute ins Ehrenamt einzubinden, ist Teil des Konzepts. Und sie von früh an bei der Musik zu halten, hat oberste Priorität: „Mit jungen Stimmen, die bereits im Kinderchor gesungen haben, lässt sich ganz hervorragend arbeiten“, weiß Jugendchorleiter Felix Schirmer. Und wie das klingt, können heute und morgen, Besucher der Kulle in Dormagen, Langemarkstr. 1-3 erleben. Die genauen Termine:

07.07.2018 18:00 Uhr│"Kulle" Dormagen│"Turn the radio on", VoiceOver, TonArt | Ltg: Lisa Meier, David Mertin

08.07.2018 17:00 Uhr│"Kulle" Dormagen│"Turn the radio on", VoiceOver, TonArt | Ltg: Lisa Meier, David Mertin

 

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