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Willkommen im 18. Jahrhundert

  • 12.01.18 21:24
  • Martin Mölder
  •   Kurz und Knapp

Martin Luther konnte nicht ahnen, welche Blüten die von ihm begonnene Reformation auch jenseits des großen Teiches treiben würde. Die amerikanisch-kanadische Bewegung der Amish People ist zwar wesentlich jünger als Luther, hat aber ihre Wurzeln in der Reformation, genauer der reformatorischen Täuferbewegung des 17. Jahrhunderts. Damals entstand die Gemeinschaft der Mennoniten (s. Wissensplus). Es kam zum Streit zwischen einem der führenden Mennoniten, dem Schweizer Jakob Ammann und anderen Köpfen der Bewegung. Ammann wollte ein wesentlich näher an der Bibel orientiertes Leben, eine kompromisslose Hinwendung zu Christus und damit eine Abkehr von allem Weltlichen. Amman scharte einige Gleichgesinnte um sich und gründete 1693 die nach ihm benannte Gemeinschaft der Amish People.

Leben wie im Schwarz-Weiß-Film

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Wer in eine Siedlung der Amish People zum Beispiel in die US-Bundesstaaten Ohio, Pennsylvnia oder Indiana kommt, hat meist das Gefühl, gerade einer Zeitmaschine entstiegen zu sein. Die Amish leben meist abgeschieden von der Zivilisation in einer eigenen Welt. Keine Elektrizität, keinen Anschluss ans Gasnetz, keinen Fernseher, kein eigenes Telefon, kein Handy und schon gar kein Internet. Die Amish People fahren Kutsche statt Auto und pflügen ausschließlich mit Pferden ihre Äcker.

Die Frauen tragen ausschließlich dunkle Röcke oder Kleider mit Schürzen. Ledige Frauen erkennt man an einem weißen, verheiratete Amish-Frauen an einem schwarzen Häubchen auf dem Kopf. Die Männer tragen überwiegend dunkle, immer einfarbige Hosen und Mäntel und sind stets behütet. Im Sommer und bei der Arbeit ziert ein Stroh-, an Sonntagen ein schwarzer Filzhut ihren Kopf. Die Amish People glauben, dass die schlichte Kleidung Gottes Wille ist. Die Amish People sind sehr fromm und glauben an die wörtliche Interpretation der Bibel. Jede Familie lebt in ihrem Alltag nach bestimmten religiösen Regeln. Das mehrmalige tägliche Gebet gehört ebenso wie das Lesen aus der Bibel und der regelmäßige Besuch des Gottesdienstes dazu. Die finden in manchen Gemeinschaften nicht nur in einer Kirche, sondern auch in den privaten Häusern der Amish People statt. Meist dauern diese Feiern vier Stunden und länger.

"Rumspringa": die Probierzeit

In den meisten Amish-Gemeinden wird den Heranwachsenden sobald sie 16 Jahre alt geworden sind, nahegelegt, einmal ihre Welt zu verlassen und die „Welt da draußen“ kennen zu lernen. Dieses Angebot nehmen die meisten jungen Amish an und beginnen die so genannte „Rumspringa“, eine Zeit, in der all das ausprobiert werden darf, was innerhalb der Amish strikt verboten ist: Alkohol,  Sex und Autofahren zum Beispiel. Manche jungen Amish gehen in dieser Zeit in die Großstadt, nach New York oder Los Angeles und kosten eine Zeit lang das unbeschwerte Leben dort in vollen Zügen aus. Sie besuchen Basketball- oder Football-Spiele, feiern wilde Partys, trinken heimlich Bier und wachen manchmal sogar am nächsten Morgen in einem fremden Bett auf. All das toleriert die Familie für diese Zeit. Wie lange diese dauert, entscheiden die jungen Amish selbst. Irgendwann aber müssen sie sich entschieden. Für oder gegen ein Leben in der Amish-Gemeinde. Die meisten entscheiden sich dafür.

SommerZeit 2018 (c) Robert Boecker

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