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"Wir sind alle gefragt"

  • 19.11.17 10:32
  • Martin Mölder
  •   Nachgefragt

Seit gut einem halben Jahr ist Tobias Schwaderlapp Diözesanjugendseelsorger des Erzbistums Köln und auch Rektor der Jugendbildungsstätte Haus Altenberg. Im Nachgefragt-Interview spricht er über die "katholische Jugend von heute".

Herr Schwaderlapp, welche Themen haben den Beginn Ihrer neuen Tätigkeit besonders geprägt?

Es gibt natürlich zu Beginn immer einen ganz großen Teil jeder neuen Tätigkeit, den ich mal mit dem Begriff "Akklimatisierung" umschreiben möchte. Die Jugendpastoral im Erzbistum ist sehr breit aufgestellt,, auch verglichen mit vielen anderen deutschen Diözesen. Wir sind in ganz vielen Feldern unterwegs und leisten da einen wichtigen Beitrag zu einem gelingenden Leben für junge Leute.

Eine besondere Rolle in meiner Funktion spielen da natürlich auch unsere Jugendseelsorger, die Männer und Frauen, Priester und Laien, die in unserem Bistum als regionale Stadt- und Kreisjugendseelsorger unterwegs sind. Da gab es eine große Umbruchswelle, die es zu gestalten galt.

Darüber hinaus war ein großes Thema die Befragung der Jugendlichen in der Vorbereitung der Jugendsynode 2018 in Rom, die wir seit dem Frühsommer auch online durchführen. Es ist wichtig, dass wir rüberbringen: wir sind als Kirche an euch interessiert!

Sie haben damals gesagt, dass die Kirche den jungen Menschen wieder näher kommen muss. Wie wollen Sie das erreichen?

Alleine kann ich das gar nicht. Wir können nur vonseiten der Jugendseelsorge immer wieder auf Eines hinweisen: schaut auf den Einzelnen, es gibt nicht "die Jugend", oder "die Jugend von heute", nur viele einzelne junge Menschen. Nähe geschieht ja immer nur durch Begegnung. Und zwar muss ich eben der einzelnen Person begegnen. Die Würzburger Synode hat in diesem Zusammenhang vom "personalen Angebot" gesprochen, ohne das Jugendpastoral nicht gelingen kann. Und da ist jeder Christ und jede Christin gefordert, und die Seelsorger natürlich ganz besonders. Schaffe ich es, in meinen Begegnungen mit jungen Leuten, echtes Interesse zu zeigen? Spricht aus meinen Begegnungen eine grundsätzliche Zuneigung? Oder wie schnell bin ich "genervt"? Und dann: wird in diesen Begegnungen auch deutlich, dass hier Kirche "passiert"? - Erst dann, wenn diese Grundlage ehrlich gewachsen ist, kann auch ein fruchtbarer Austausch über den Glauben stattfinden. In der Seelsorge gilt immer die gleiche Dynamik, die wir uns vom Gott der Bibel abschauen müssen: vor dem Anspruch kommt der Zuspruch.

Welchen Einfluss hat die Macht der sozialen Netzwerke auf die Kirchenbindung der Jugendlichen? Wie muss Kirche darauf reagieren?

Ich bin dagegen, die sozialen Netzwerke jetzt zu mystifizieren. Irgendwie scheint mir das häufig der Fall, wenn manche in halbgelehrter Ahnungslosigkeit darüber philosophieren. Als würde sich das gesamte Leben der jungen Leute "virtualisieren". Das ist sicher nicht der Fall. Facebookfreunde und echte Freunde können alle unterscheiden, auch junge Menschen. Allerdings nehmen wir natürlich wahr, dass die Fülle an Angeboten zur Freizeitgestaltung und auch zur Meinungsbildung verstärkt über diese Kanäle geprägt wird. Wenn wir da fehlen, fallen wir aus der Lebenswelt der jungen Leute heraus - insofern müssen wir da aufmerksam bleiben und auch nicht meinen, es wäre mit Facebook getan. Instagram und Jodel zum Beispiel - um mal zwei Beispiele zu nennen - sind für viele mittlerweile deutlich präsenter. Ganz einfach: sobald die Eltern eine Plattform erobern, suchen sich die Kinder und Jugendlichen eine andere. Wir müssen da den Eltern einen Schritt voraus sein…

Viele jungen Menschen sind auf der Sinnsuche. Wie nehmen Sie die Sehnsucht der Jugendlichen nach sinnstiftenden Inhalten in ihrem Leben wahr?

Durch viele, viele Gespräche. Je später, desto besser. Gerade die Dunkelheit und Müdigkeit der Nacht macht uns ehrlich füreinander und öffnet für die Tiefenschichten der Existenz. Ansonsten drücken Jugendliche diese Sehnsucht natürlich aus, indem sie miteinander reden, wie die Erwachsenen auch. Das braucht nur deutlich mehr Zeit. Bis wir mit Jugendlichen über Sinnfragen ins Gespräch gehen können, müssen wir eine Menge von gefühlt oder vermeintlich "sinnlosen" Gesprächen geführt haben, das merken, glaube ich, alle, die in der Jugendseelsorge tätig sind. Das kostet Zeit und braucht echtes Interesse! Ohne geht es nicht.

Was sind für Sie die größten Herausforderungen in den kommenden Jahren?

Genau diese Zeit. Wir Seelsorger haben davon ja immer weniger, bei immer mehr werdenden Aufgaben. Das sage ich, ohne zu jammern, so ist es eben. Aber wenn wir Jugendliche begleiten wollen, geht das eben nicht nebenher. Das kann ich nicht nachmittags von 14:30-15 Uhr in einen konzentrierten Termin packen. Da braucht es einfach die zweckfrei verbrachte Zeit miteinander und füreinander - und das wird immer schwieriger.

Die Herausforderung wird darin bestehen, dass wir das als Kirche insgesamt als unsere Aufgabe erkennen und annehmen - als Getaufte und Gefirmte. Dazu braucht es auch Seelsorger, aber nicht nur. Da sind wir alle gefragt!

SommerZeit 2018 (c) Robert Boecker

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